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Botanische Jahrbücher

für

Systematik, Pflanzengeschichte

Pflanzengeographie

herausgegeben

Zweiter Band. I. u. II. Heft.

Mit 1 lithographischen Tafel und 4 Holzschnitten.

——— m —— Kq

Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann.

1881.

Ausgegeben den 14. Juni 1881. MISSOURI

BOTANICAL CD Aart S

Seite zel Biytt, Die Theorie der wechselnden kontinentalen und insularen Klimate (Mit Tafel I uud 4 Holzschnitten.). . . . . uarie Ne: aver erc V S EE RN 1 iedr. Hildebrand, Die Lebensdauer und Vegetationsweise der Pflanzen, ihre Ursachen und ihre Entwiekelung . . © .. o o n ne 51 emilius Koehne, Lythraceae monographice describuntur. (Fortsetzung) . . . . 136 Axel Blytt, Nachtrag zu der Abhandlung: Die Theorie der wechselnden konti- nentalen und insularen Klimate . .. . crore 177

Bemerkung.

Die Herren Mitarbeiter erhalten für ihre Originalabhandlungen ein Honorar von .4/ 30 pro Bogen, sowie auf besondern Wunsch eine An- zahl (bis zu 20) Separatabzüge. Alle Sendungen für die »Botanischen Jahrbücher« werden an den Herausgeber, Herrn Prof. Dr. Ad. Engler in Kiel erbeten. | Über Zweck, Inhalt, Erscheinungsweise ete. der Jahrbücher ver- | breitet sich ein Prospect, der durch alle Buchhandlungen bezogen x werden kann. |

Einiee Autoren haben sich erboten, dem Herausgeber kurze Inhaltsangaben ihrer Schriften zukommen zu lassen.. Dieselben sind sehr erwünscht, namentlich dann, wo der pecuniäre Werth des Werkes dem Verf. die Einsendung desselben erschwert. Es ist jedoch nothwendig, dass derartige Selbstanzeigen nicht später, als 1/ Jahr nach der Publicirung des Werkes beim Herausgeber einlaufen.

Kleinere, für die botanischen Jahrbücher geeignete Beiträge finden immer baldige Aufnahme; bezüglich umfangreicherer Abhandlungen ist vorherige An- meldung beim Herausgeber nothwendig, da ein Theil des in den nächsten Heften zur Verfügung stehenden Raumes bereits vergeben ist.

Kiel, den 15. März 1881. A. Engler.

Verlag von Wilhelm Engelmann in Leipzig.

Schriften von Friedr. Hildebrand.

Die Geschlechter-Vertheilung bei den Pflanzen und das Ge- getz der vermiedenen und unvortheilhaften stetigen Selbstbefruchtung. Mit. 62 Figuren in Holzschnitt. gr. 8. 1867. # 2. 15.

Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. Mit 58 Holzschnit gr. 8 1873. M4.

Die Farben der Blüthen in ihrer jetzigen Variatj früheren Entwicklung. gr..8. 15179. 44 1. 60.

Botanische Jahrbücher

ER u iz

für

Systematik, Pflanzengeschichte

und

Pflanzengeógraphie

herausgegeben von

A. Engler.

Zweiter Band. O

Mit 4 lithographirten Tafeln und 5 Holzschnitten.

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nd

Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann.

1882,

Inhalt.

M AA PUPPI P^

I. Originalabhandlungen. Seite A. Blytt, Die Theorie der wechselnden kontinentalen und insularen Klimate . 1- 50

F. Hildebrand, Die Lebensdauer und Vegetationsweise der Pflanzen, ihre

Ursachen und ihre Entwicklung . . . . + + scs s rr e 51-185 Einleitung. . » + 2 + + ooo + + t s mom om om + t n on. na. 54 Kapitel I. Die Lebensdauer und Vegetationsweise der Pflanzen in ihrer Verschiedenheit . . 22 í. + + + + + s + + + + t * ° 55

Kapitel II. Verhältniss der verschiedenen Lebensdauer und Vegetations- weise zur systematischen Verwandtschaft . . . . . . .. 71

Kapitel III. Die Ursachen der verschiedenen Lebensdauer und Vege- tationsweise . . . . . . + + + + + + + + + t t t + + + 83

Kapitel IV. Nachweise von der Umwandelung der Lebensdauer und Vegetationsweise . . . . + + + + + + + + o t o n n 145 Kapitel V. Verhältniss der Lebensdauer in den geologischen Perioden . 130 E. Koehne, Lythraceae monographice describuntur . . . . . . . 486-476, 395-429

A. Blytt, Nachtrag zu der Abhandlung: Die Theorie der wechselnden konti- nentalen und insularen Klimate . . . . . 2 + een nennen. 177-484

F. Krasan, Die Erdwürme als pflanzengeographischer Factor . . . . . . . 185-255 A. Sonnenwürme und Erdwürme 185. B. Die Vegetation in ihren Be- ziehungen zur Erdwürme und jenen Factoren überhaupt, die von der Wärme mittelbar oder unmittelbar abhängen, (Nach Beobachtungen aus dem Küstenland, Steiermark, Kürnten und Krain.) 210. I. Das Gesetz der Verticalzonen 240. II. Einflüsse, welche eine Umkehrung der Zonen be- wirken 213. III. Wärmeleitungsfähigkeit und Strahlungsvermógen stehen bei den mineralischen Substanzen des Erdbodens im umgekehrten Verbält- nisse zu einander 246. IV. Einfluss der Wärme auf das Ernährungssystem der Pflanzen 220. V. Gegensätze der mittelländischen und nordischen Vegetation in Bezug auf ihre Existenzbedingungen 226. C. Abhängigkeit

IV Inhalt,

Seite der Niederschläge und gewisser Lufterscheinungen von der Wärmeleitungs- und Strahlungsfähigkeit des Bodens 243. D. Die Einflüsse einer mehr west- lichen oder mehr östlichen (continentalen) Lage sind für die Ausdehnung der verticalen Vegetationszonen bei weitem nicht so massgebend, als die localen bodenklimatischen Factoren 247,

A. Gray und J. Hooker, Die Vegetation des Rocky Mountain-Gebietes und ein Vergleich derselben mit der anderer Welttheile. . ©. + + + 956-296 I. Die alpine Region 258. II. Das Waldgebiet 265. III. Waldlose Re- gionen unterhalb des Waldes 276. Vergleich der Flora des atlantischen, pacifischen und Rocky Mountain-Gebietes 283, Nordamerikanische Typen in Südamerika 291.

K.Prantl, Vorläufige Mittheilung über die Morphologie, Anatomie und Syste- matik der Schizaeaceen . . 997-303

W. Olbers Focke, Über Pflanzenmischlinge . 304-305

E. Warming, Die Familie der Podostemaceen . . 361-364

0. Heer, Über die fossile Flora von Portugal . 865-379

F. Benecke, Zur Kenntniss dés Diagramms der Papaveraceae und Rhoeadinae 373-390

Fritz Müller, Bemerkungen zu Hildebrand's Abhandlung über die Lebens- dauer und Vegetationsweise der Pflanzen . . 391-394

Konrad Müller, Vergleichende Untersuchung der anatomischen Verhältnisse der Clusiaceen, Hypericaceen, Dipterocarpaceen und Ternstroemiaceen. . 430-464

F. Buchenau, Beiträge zur Kenntniss der Alismaceen , Butomaceen und Juncaginaceen . . 465-510

F. W. C. Areschoug, Der Einfluss des Klimas auf die innere Organisation der Pflanzen . . 541-527

II. Übersicht der wichtigeren und umfassenderen, im Jahre 1881 über Systematik, Pflanzengeographie und Pflanzengeschichte . erschienenen Arbeiten. I.

A. Systematik (incl. Phylogenie) . . . . 306 Allgemeine systematische Werke und Abhandlungen . . 306-314 Thallophytae. 311

Algae . 912-315

Characeae . . 315 Archegoniatae.

Musei . . 915-316

Filicinae 316

Lycopodinae. 346 Gymnospermae (Archispermae) 316-318 Angiospermae (Meltaspermae). . 348-336

Anordnung der Familien in alphabetischer Reihenfolge.

Inhalt, V

Seite

B. Artbegriff, Variation, Hybridisation, Blumentheorie eté.. . . ...... 336

C. Allgemeine Pflanzengeographie und Pflanzengeschichte . . . . . . . . . 337-339

D. Specielle Pflanzengeographie und Pflanzengeschichte . . . . . . . . . . 339-360 a. Fossile Flora. b. Lebende Flora.

Nórdliches extratropisches Florenreich. . .. . + + + + + + 339-355 A. Arktisches Gebiet. . . . 2 2 2 2 + s s s s nn nn» 989-340 B. Subarktisches Gebiet. . . ....... cr rr on * ° 340

Nordeuropüische Provinz . . . + + + + en 340 Nordamerikanische Seeenprovins . . . + + + ooo ° ° 340 C. Mitteleuropüisches und aralo-caspisches Gebiet . . . 340 Ca. Atlantische Provinz . . . . oaoa aa 340 Schottland . e 340 Irland. . . + . + + + + + + + + + + + + s t t t t 5 t t ° on 340 England. . . . 2 4 + + ne 340-341 Frankreich. © 2 2222 e oe Rs SS ae os eos t + 34-362 Belgien . ee 342 Cb. Subatlantische Provinz. » . + + + + + + + + + t + + t * on ° 349 Niedersachsen `, . =: 2 + + nn sod. s sas sis RE t on 342 Südliches Schweden. . . . . . 4 4 4 ooo oo on ot n 343 Cc. Sarmatische Proving. . . + + + + + + st t s ot t t s ton ° 343 Cd. Provinz der europäischen Mittelgebirge. ee, 344-346 Flora von Deutschland. . . » . . een 346 Ce. Danubische Provinz . . . . 2 soe sos s sse osos 346-347 Cf. Russische Steppenprovinz «. « « se sgp o t t on t 347 Cg. Provinz der Pyrenäen. ooo e oom t t 347 Ch. Provinz der Alpenlünder . . . . NT. nenn 847-348 Ck. Provinz der Karpathen. e 348 D. Centralasiatisches Gebiet. ©. + + + c t t nr ° 348-349 F. Mittelmeergebiet. Fa. Iberische Provinz . . 2 4 st. k aa a a s k s oS ea t S e 349-350 Fb. Ligurisch-tyrrhenische Provinz . . . + í + s t t t t t * ° ° 350 Fc. Marokkanisch-algerische Provinz . . x. nenn 351 Fd. Östliche Mediterran-Provinz . . + + + + os os ot ot s t V ° ° 351 G.Mandschurisch-japanisches Gebiet. . . + + + + * ° * ° 351-354 H. Gebiet des pacifischen Nordamerika. . . . + + sso 355 I. Gebiet des atlantischen Nordamerika . . . . + + * * 355 Das paläotropische Florenreich oderdastropische Floren- reich der alten Welt. !. s eser ros o S 355-358 A. Westafrikanisches Waldgebiet... ee t aa 355 p. Afrikanisch-arabisches Steppengebiet. Ve agin 81 356 C. Malagassisches Gebiet. . + nr men n nn t t n n t t n 356-357

D. Vorderindisches Gebiet. ... + + + + + + + t t t ont n Š 357

VI Inhalt, Seite F. Ostasiatisches Tropengebiet| ee m 357 G. Malayisches Gebiet . en Mer 358 Südamerikanisches Florenreich». 2 2 222 .... REN U OEE 358 A. Gebiet des mexikanischen Hochlandes. . 2.22... 358 B. Gebiet des tropischen Amerika, ` TUUM 358 Ba. Provinz Westindien . . . . .......... s .. 358 Bb. Nordbrasilianisch-guyanensische Provinz = 2 > 222... e. 358 Bc. Südbrasilianische Provinz `... ` ren 358 C. Gebiet desandinen Amerikas. . . . . ee 358 E. Juan Fernandez. . 2 oo oo on EK 358 Altoceanisches Florenreich `, LL 2... . 859-360 A. Neuseelündisches Gebiet `... nen 359 B. Australisches Gebiet... 24 359 F. Capland .................... LL 360 Geographie der Meerespflanzen `... 360 HI. Verzeichniss der besprochenen Schriften. Ascherson, P.: Über Bestäubung einiger Helianthemum-Arten 321. Über die Ver-

änderungen, welche die Blüthenhüllen bei Homalium nach der Befruchtung er- leiden 334.

Babington, C.C.: On Potamogeton lanceolatus Smith 327. Bachmann, Th.: Darstellung der Entwickelungsgeschichte und des Baues der Samenschalen der Scrophularineen 335. Baillon, H.: Phyllobotryum M. Arg. 320. Sur un Polycardia nouveau 321. Sur le genre Amphoricarpos 322. Sur les Crupina 322. Sur l'insertion de la fleur des Eupatorium 322. Sur des Composées à gy- nécée complet 323, Sur le genre Pseudoseris 393. Sur le genre Placus 323. Sur le Pleurocoffea 333. Sur un nouveau type de la flore de Madagascar 356. Baker, G.: Note on Mr. J. Thomsons Central African collection 356. Bary, A. de: Zur Systematik der Thallophyten 311-312, Behrens, W.: Caltha dio- ` naeaefolia 333. Bentham, G.: Notes on Cyperaceae 324-326. Notes on Orchi- deae 327-330. Berthold, G.: Die geschlechtliche Fortpflanzung der eigentlichen Phaeosporeen 313. Bornet, E. et G. Thuret: Notes algologiques 343. Brügger, G.: Beobachtungen über wildwachsende Pflanzenbastarde der Schwei- zer- und Nachbar-Floren 336. Buchenau, F.: Bemerkungen über die Formen von Cardamine hirsuta 323. Flora der ostfriesischen Inseln 842, Reliquiae Rutenbergianae 357.

Candolle, Alph. et Cas. de: Monographiae Phanerogamarum (Suites au Prodromus) HI. 348, 349, 321, 322, 323, 324, 332, Cario, R.: Anatomische Untersuchung von Tristicha hypnoides Spreng. 332, 333, Caruel, T.: Systema novum regni vegetabilis 306-314. Philydraceae 332. Cla rke, C. B.: Commelinaceae 324. Notes on Commelinaceae 323, Cogniaux, A.: Cucurbitaceae 323, 324. Contejean, Ch.: Géographie botanique. Influence du terrain sur la végétation 337, 338.

Inhalt, ` vu

Decaisne, J.: Recherches sur l'origine de quelques unes de nos plantes alimentaires ou d'ornement 323. Dickson, A.: On the morphology of the pitcher of Cepha- lotus follicularis 334. Doell, Ch.: Gramineae brasilienses HI. Bambusaceae, Hordeaceae 326. Drude, O.: Anleitung zu phytophünologischen Beobachtungen in der Flora von Sachsen 338.

Engelhardt, H.: Über Pflanzenreste aus den Tertiärablagerungen von Liebotitz und Putschirn 344.

Fairchild, H. L.: On a recent determinalion of Lepidodendron 316. Fiek, E.: Über das Vorkommen von Crocus vernus in den Sudeten 345. Fiek, E. und R. v. Uechtritz: Flora von Schlesien 345-346. Fischer, Th.: Die Dattel- palme 330, 331.

Göppert, H.R.: Revision meiner Arbeiten über die Stämme der fossilen Coniferen, insbesondere der Araucariten und über die Descendenzlehre 347, 318. Guil- laud, J.: Sur le Thelygonum Cynocrambe 324.

Hoffmann, H.: Culturversuche über Variation 336. Vergleichende phänologische Karte von Mittel-Europa 338, 339. Hooker, J. D.: The Flora of british India 357.

Janka, V. v.: Scrophulariaceae europeae analytice elaboratae 335. Jentzsch, A.: Bericht über die Durchforschung des norddeutschen Flachlandes 343.

Klebs, G.: Beitrüge zur Kenntniss niederer Algenformen 313.

Lange, J.: Conspectus Florae groenlandicae 339. Leimbach, G.: Beitráge zur geographischen Verbreitung der Orchideen 330. Lei (geb, H.: Untersuchungen über die Lebermoose 315

Martius et Eichler: Flora brasiliensis 326. Masters, F. M.: On the Conifers of Japan 351-354, Meehan, Th.: Notes on treeless prairies 355. Micheli, M.: Alismaceae, Butomaceae, Juncagineae 348, 349. Müller, F. v.: Supplementum ad volumen XI »Fragmentorum phytographiae Australiae« indices plantarum acoty- ledonarum complectens 359. Id.: Notes on a hitherto undefined species of En- cephalartos 360.

Nathorst, A. G.: Nägra anmärkningar om Williamsonia Carruthers 319, 320. Ricci, R.: Nuova specie di Anthoxanthum 326.

Schmitz, F.: Über die Bildung der Sporangien bei der Algengattung Halimeda 314. Seeland, M.: Untersuchung eines am Pasterzengletscher gefundenen Holzstrunkes nebst einigen anatomischen und pflanzengeographischen Bemerkungen 347, 348. Solms-Laubach, H. Graf zu: Corallina 344-345.

Trelease, W.: The fertilization of Salvia splendens by birds 327. Tschirsch, A Über einige Beziehungen des anatomischen Baues der Assimilationsorgane zu Klima und Standort, mit specieller Berücksichtigung des Spaltóffnungsapparates 339.

Watson, S.: Botany of California 355. Watt, G.: Notes on the vegetation of the Chumba State and British Lahoul 348, 349. Wendland, G.: Beiträge zu den Borassineen 331,

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Die Theorie der wechselnden kontinentalen und insularen Klimate

von

Axel‘ Blytt,

Professor der Botanik an der Universität Christiania.

Mit Tafel 1.)

Im Jahre 1875 stellte ich in einem Vortrage, der in der Gesellschaft der Wissenschaften zu Christiania gehalten wurde, eine Theorie auf über die Einwanderung der norwegischen Flora. Ich suchte nachzuweisen, dass die Verbreitung der Pflanzen am leichtesten sich verstehen lässt, wenn man annimmt, dass das Klima saecularen Veränderungen unterworfen ist, in der Weise, dass Zeiträume mit einem feuchten und milden Klima mit andern Zeiträumen abwechseln, in welchen ein trockneres und mehr kon- tinentales Klima herrscht. Ich suchte ferner zu zeigen, dass im Bau der Torflager gewisse Verhältnisse zu Tage treten, welche ebenfalls auf eine ähnliche Periodicität hindeuten. Das Resultat meiner Untersuchungen legte ieh in einer Arbeit über die Einwanderung der norwegischen Flora nieder, welche im folgenden Jahre gedruckt wurde !).

Seit dem Erscheinen der eben genannten Schrift habe ich neue Ge- legenheit zur Anstellung von weiteren Beobachtungen gehabt, welche die aufgestellte Theorie noch fester begründen können. Insonderheit habe ich den Bau einer großen Menge von Torfmooren im südöstlichen Norwegen untersucht. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschungen sind in der von Lürken und Warming in Kopenhagen herausgegebenen »Tidsskrift for populäre Fremstillinger af Naturvidenskaberne « 1878 veröffentlicht wor- den. In der gegenwärtigen Abhandlung beabsichtige ich nun eine kurze Übersicht über die erwähnte Theorie in ihrer Gesammtheit zu geben, zu- gleich aber auch einige neuere Untersuchungen mitzutheilen, welche ich in letzter Zeit anzustellen Gelegenheit hatte. Diese Theorie scheint auch mehrere geologische Thatsachen ungezwungen zu erklären, wie wir im zweiten Abschnitte sehen werden. Dann folgen zuletzt einige Betrachtungen über die Flora von den Färöinseln, Island und Grönland.

1) Essay on the immigration of the Norwegian Flora during alternating rainy and dry periods. Christiania 4876. Botanische Jahrbücher. II. Bd. A

r

Axel Blytt.

I. Die Flora und die Torfmoore!).

Die norwegische Flora ist im großen Ganzen eine einförmige. Der Untergrund besteht meistentheils aus harten Felsarten, wie Gneis, Granit, Quarzit u. s. w. Wo das Gestein nicht durch Verwitterung gelockert wor- den, ist die Vegetation fast überall sehr arm an Arten. Entweder liegen die während der Eiszeit gefurchten und geschliffenen Klippen ganz nackt da, oder dieselben sind mit einer einförmigen Pflanzendecke überzogen, die aus gesellschaftlich auftretenden Arten besteht. Auf dem Hochgebirge findet man an der Untergrenze des ewigen Schnees zunächst einen Gürtel von Steingeröll, das ganz oder fast ganz aller Vegetation entbehrt. Weiter nach unten begegnet man gewöhnlich einem zusammenhängenden Teppiche von gelbgrauen Flechten (Cladonien, Cetrarien u. dergl.). Mit 4000 bis 4500 Fuß Höhe (im centralen Theil des südlichen Norwegens) beginnen graugrüne Weiden (Salices) von ein paar Fuß Höhe, in Verbindung mit Zwergbirken (Betula nana) und Wachholder (Juniperus), große Strecken zu bedecken. Diese wechseln mit haideartigen Abhängen, auf welchen Rauschbeeren (Empetrum), Vaceinien und einzelne zur Familie der Eri- ceen gehórige Gebirgspflanzen neben Moosen (Racomitrien) und den eben erwühnten Flechten in gesellschaftlichen Massen auftreten. Bei 3000 bis 3500 Fuß fängt die Waldregion an, zunächst mit Birken (Betula odorata) und ein paar hundert Fuß tiefer mit Nadelhölzern (Fichte und Kiefer). Letztere drei Baumarten bilden fast ausschließlich den Bestand aller unserer Wälder, deren übrige Flora ebenfalls arm an Formen ist und über das ganze Land fast nur aus denselben Arten besteht. Im Fichten- walde bilden Vaceinien zusammen mit gewissen Waldmoosen aus den Ge- schlechtern Hypnum, Dicranum und Polytrichum, im Kiefernwalde Haide (Calluna) und Flechten (Cladonien u. s. w.) die Hauptmasse der Pflanzendecke des Waldbodens. Sogar die üppigen Wiesenabhänge, die oft bis ganz zur oberen Weidengrenze emporsteigen, sind arm an Arten, und ihre Flora bleibt in allen Hóhengürteln und über die ganze Ausdehnung des Landes hin fast die nämliche. Unsere waldlose Westküste ist zum größten Theil, wo der Fels nicht ganz nackt hervortritt, mit einem einförmigen Haideteppich überzogen. In den mit Lehm und Sand gefüllten Einsen- kungen dieser Gebirgs-, Wald- und Haide-Strecken trifft man gewöhnlich Torfmoore, welche eine ebenso einförmige Flora zeigen, wie ihre Umge- bung. Dieselbe besteht aus Sumpfmoosen (Sphagnum), Riedgräsern (Cari- ces), Wollgras (Eriophorum), Haide (Calluna) und in den Küsten- gegenden noch aus Erica Tetralix und einigen andern Arten.

Oo Ein Scenen wechsel tritt indessen ein, sobald man, unter sonst günstigen

1) Ausführlichere Mittheilungen über die Flora finden sich in meiner oben genann- Arbeit: »Essay on the immigration ete.« sowie in M. et A. BrLyrr, »Norges Flora«. 3 Theile. Christiania 4861—1876.

Die Theorie der wechselnden kontinentalen und insularen Klimate, 3

Verhältnissen, einen loseren Untergrund betritt, wie ihn die verwitternden Schiefer, die mit den Schiefern wechselnden trockenen Kalkschichten, die losen Geröllablagerungen der festeren Gesteine und die Grusbedeckungen der Meeresufer darbieten. Alle derartigen Gebiete sind in der Regel unzu- gänglich für jene in geselligen Massen auftretenden Arten, und statt der ununterbrochenen Haide-, Moos- und Flechten-Decke finden wir hier in der Regel eine größere Abwechslung. Die Individuen wachsen gewöhnlich mehr zerstreut, so dass die Unterlage zum Vorschein kommt. Die Flora ist ärmer an Exemplaren, aber zum Ersatz dafür bedeutend reicher an Arten; ja der größte Theil unserer selteneren Arten wächst ausschließend oder vorzugsweise auf derartigem losen Boden.

So stößt man z. B. in den oben beschriebenen einförmigen Gebirgs- strecken bisweilen auf Partien leicht verwitternder Schiefer, die blumen- geschmückten Oasen mitten in der Wüste gleichen. Die meisten eigent- lichen Gebirgspflanzen finden sich auf diesen Schiefern, und viele Arten sind ausschließlich an dieselben gebunden. Dryas octopetala bildet einen leuchtenden weißen Blütenteppich, der mit blauen Sträußchen von Veronica saxatilis, gelben Kränzen von Potentilla nivea, und pur- purfarbigen von Ox ytropis lapponica wie mit einer Stickerei bedeckt ist, einer großen Menge anderer ebenso reizender Gebirgspflanzen nicht zu gedenken. Charakterpflanzen für diese Schieferflora des Hochgebirges sind, außer ein paar anderen, vorzugsweise Dry as und die kleine Weide Salix reticulata mit ihren netzadrigen, auf der Unterseite silberweißen Blüttern. |

Diese Schieferflora hat überall dasselbe leicht kenntliche Gepräge und zeigt einen entschieden arktischen Charakter). Dieselben Arten findet man wieder auf Spitzbergen, in Grönland und anderen hochnordi- . schen Gegenden. Im südlichen Norwegen. ist diese Flora auf die Gebirge beschränkt; erst in den nördlichen Theilen des Landes steigt dieselbe, wie in den anderen arktischen Gegenden in das Flachland herab.

Auf der beigegebenen Karte von Norwegen findet man die Orte ange- geben, an welchen diese arktische Flora in ausgeprägtester Form und mit dem größten Reichthum an Arten auftritt. Aus derselben erhellt, dass die hierher gehörenden Pflanzen das Küstenklima scheuen. Die Gebirge am Meeresrand sind selbst da, wo sie aus Schiefer bestehen, arm an arktischen Pflanzen. Die reichsten derartigen Pflanzenkolonien treten in den eigent- lich kontinentalen Gebirgsregionen auf, wo sie durch unsere höchsten Berg- züge und ausgedehntesten Firnmasse gegen die Seeluft geschützt sind, welche sonst durch die herrschenden Südwestwinde über das Hochland hineingeführt wird. Dem entsprechend findet man eine reiche arktische Flora im Osten unserer großen Gletscher, d. h. östlich vom Folgefon auf

1) Die Verbreitung unserer arktischen Flora ist ausführlicher behandelt in meinem »Essay on the immigration of the Norwegian Flora «.

1 *

4. | Axel Blytt,

der hardangerschen Hochfläche (Hardangervidden) und östlich von Juste- dalsgletscher (Justedalsbräen) und unsern höchsten Berggipfeln, dem Jotun- fjeld, in Lom, Väge und auf dem Dovre. Wenn man vom Dovrefjeld nach Norden geht, findet man eine reiche Schieferflora erst da wieder, wo aufs Neue große Gletscher auftreten, z. B. östlich von Svartisen und Sulitelma in Salten und Luleà Lapmarken, und endlich am weitesten im Norden, in Alten auf der Ostseite der großen Gletscher und Gebirge in Lyngen.

Diese arktische Flora hat, wie bereits oben erwähnt, die allergrößte Ähnlichkeit mit der Spitzbergens und Nordgrönlands. Dr. Kırııman hat mir erzählt, dass man auch auf Spitzbergen die artenreichste Flora in der größten Entfernung von der Küste, an den innern Enden der Fjorden (z. B. des Isfjords) findet, so dass die besprochene Pflanzengruppe auch unter so hoher Breite die Nähe des offenen Meeres flieht.

In der Schweiz zeigt diese Flora eine ähnliche Verbreitung (cf. Cunisr, Pflanzenleben der Schweiz. p. 339, 278, 279, 296, 298). Die der Schweiz und dem Norden gemeinsamen Alpenpflanzen findet man zum größten Theil wieder auf den Gebirgen Nordasiens (von 230 Arten 182). Die Theile der Schweizer Alpen, welche am reichsten an endemischen Alpenpflanzen sind, zeigen sich auch am reichsten an nordischen Gebirgspflanzen, und die reichste Alpenflora findet sich gerade in den Gegenden, deren Klima am ärmsten an Regen ist.

Es ist solchergestalt klar, dass diese Schieferflora einen kontinentalen Charakter trägt, und dies ist nicht schwer zu verstehen. Es reichen näm- lich schon ein paar Wärmegrade hin, um die arktischen Pflanzen zum Keimen und Ausschlagen zu bringen. Die milden Winter der Küstengegen- den, unter welchen der Boden oft schneefrei bleibt und die Temperatur häufig um einige Grade über und unter dem Frostpunkte hin- und her- schwankt, richten diese Pflanzen unerbittlich zu Grunde, da die zarten Keime leicht vom Frost getödtet werden. Sogar im botanischen Garten in Christiania muss man die arktischen Pflanzen während des Winters zu- decken, da dieselben sonst in milden Wintern leicht zu Grunde gehen. In jenen Gebirgsgegenden, wo der Winter ernster auftritt, werden sie durch den Schnee bewahrt, und erwachen erst dann wieder zu neuem Leben, wenn der Schnee durch die Frühlings- oder Sommersonne geschmolzen wird und also schon » Wärme in die Luft gekommen ist «.

Unter hohen steilen Gebirgen des Flachlandes findet man háufig Schutt- halden aus herabgestürzten Steinen bestehend. Diese Schutthalden sind gewöhnlich trocken. Das Wasser sickert zwischen den Steinen ein und kommt erst am Fuße der Halde wieder zu Tage, wo es zuweilen zu Moor- bildungen Veranlassung giebt. Auf den der Sonne ausgesetzten Schutthal- den herrscht an warmen Sommertagen oft eine brennende Hitze. Der untere grobsteinige Theil des Schuttwalles ist in der Regel nackt oder nur mit Moos und Flechten bedeckt, aber in dem feineren Grus und Sand, der

Die Theorie der wechselnden kontinentalen und insularen Klimate. E i

den obersten Theil dieser Halden zu bilden pflegt, schlängelt sich ein Saum von lichtgrünem Gestrüpp und Buschwerk der Bergwand entlang, bestehend aus Hasel, Ulme, Linde, Esche, Ahorn, Eiche (Quercuspe dunculata), Sorbus Aria, Rosen-, Hagedorn- und anderen wärmeliebenden Sträu- chern und Baumarten. Wenn dieses Gebüsch nicht allzudicht aufwuchert, so birgt es in seinem Schatten eine reiche und abwechselnde Flora südlicher Pflanzenformen: starkriechende Lippenblütler (Origanum, Clinopo- dium, Calamintha, Staehys silvatica), Geranium Robertianum, Verbascum und Hy pericu m-Arten, Schmetterlingsblumen, wie Oro- bus vernusund niger und Lathyrus silvestris, Zahnwurz (Den- taria bulbifera), verschiedene seltene größere Grasarten, und eine ganze Menge anderer zum Theil sehr seltener Pflanzen, die wir hier nicht alle aufzählen können. An dem inneren Sognefjord findet man auf solchem Schutt sogar einen Wald von Ulmen und einen Wald von Vogelkirschen (Prunus avium), die einzigsten Beispiele derartiger Wälder, die in Nor- wegen bekannt sind. |

Diese Flora ist auf der Karte als die boreale bezeiehnet. Wir be- gegnen ihr auf den Schuttablagerungen der verschiedensten Bergarten : Porphyr, Gneis, Granit, Schiefer, Kalk u. s. w. und sie bildet eine ebenso leicht erkennbare Pflanzenformation, als die arktische, von der sie sonst himmelweit verschieden, der sie aber in dem einen Stücke gleicht, dass sie, wie jene, das Küstenklima scheut, denn ihre Arten sind auf Trockenheit und Wärme angewiesen, und aus den Angaben der Karte wird man ersehen, dass die eigentlichen Fundorte derselben der inneren Fjordenregion ange- hóren, z. B. dem Christianiafjord, dem Sognefjord und dem Throndhjems- fjord. Unter günstigen Umständen kann dieselbe 1500 bis 2000 Fuß über das Meer emporsteigen.

Noch reicher an. Arten ist die Pflanzenwelt, welche auf den losen Schiefern der Silurformation und auf den, mit letzteren abwechselnden Kalk- schichten in den niedrigsten Küstengegenden des Christiania- und Skiensfjord bis zu einer Höhe von 4 bis 200 Fuß über dem Meere sich angesiedelt hat. In keiner anderen Gegend Norwegens findet man so viele Pflanzenarten auf einen so kleinen Raum zusammengedrängt. Denn neben den meisten borea- len Arten tritt hier ein neues Element auf, das subboreale. Dieses fehlt auf der Nord- und Westseite des norwegischen Berglandes und gehört fast ausschließlich den allertiefsten Gegenden der Ostseite. Zu dieser Flora rechnen wir, neben vielen anderen: Spiraea filipendula, Libanotis montana, Geranium sanguineum, Thymus Chamaedrys, Arte- misia campestris, Rhamnus catharticus, Fragaria collina u.s. w. Auch diese Arten sind kontinental und lieben warme und trockene Standorte.

Auf dem Sand und Grus der Meeresufer findet man häufig eine ab- wechselnde Flora. Außer den eigentlichen Strandpflanzen trifft man hier Repräsentanten aller drei obengenannten Artgruppen.

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Alle bisher genannten Pflanzen fliehen also das ausgeprägte Küsten- klima. Zum Ersatz dafür zeigen aber die eigentlichen Küstengegenden andere ihnen eigenthümliche Arten. In dieser Küstenvegetation kann man eine doppelte Flora unterscheiden : die Bergensche oder atlantische, und die Christianssandische oder subatlantische.

Die atlantische Flora hat in Norwegen ihre eigentliche Heimath in den westlichsten und feuchtesten Gegenden, besonders von Stavanger bis hinauf naeh Christianssund. Viele ihrer Arten findet man außerhalb dieser Küstenstrecke, aber immer sparsamer, je weiter man sich vom Meere ent- fernt; in den inneren Fjordengegenden aber fehlen sie fast günzlich. Zu dieser Flora gehört der Christdorn (Ilex), die Eibe (Ta xus), der rothe Finger- hut (Digitalis purpurea), das Moorhaidekraut (Erica Tetralix) und eine Menge anderer zum Theil sehr seltener Pflanzen.

Die subatlantische Flora ist den südlichsten Küstengegenden im Amte Smaalehnene und im Christianssandischen Stift eigenthümlich. Dieselbe umfasst viele Arten, hat aber keinen so ausgeprägt insularen Charakter, wie die eben genannte, obwohl auch die hierher gehörigen Arten zum größten Theil am Christianiafjord nicht vorkommen. AlsBeispiele kónnen wirnennen: Gen - tiana Pneumonanthe, Cladium Mariscus, Teucrium Scorodonia, Pulicaria dysenterica, Ajuga reptans, Berula angustifolia u. s. w. Diese Küstenpflanzen lieben besonders harte Felsarten, und viele wachsen am liebsten an feuchten Orten.

Außer diesen Artgruppen wird man auf der Karte noch eine subark- tische Flora angegeben finden. Diese Flora ist über das ganze Land ver- breitet. In ihrer Gesammtheit betrachtet, trügt dieselbe einen insularen Charakter, denn ihre Arten scheuen in der Regel das Küstenklima nieht oder lieben zum großen Theil sogar feuchte Standorte. In schattigen Wäldern und auf feuchten Abhängen wird diese Gruppe am charakteristischsten ver- treten durch Mulgedium alpinum, Aconitum septentrionale, ArchangelicaundAn gelica, den großen weißblühenden Ranuncu- lus aconitifolius, verschiedene größere Farne und Gräser und mehrere andere. Dieser subarktischen Flora gehören ebenfalls die meisten unserer Torf- und Moorpflanzen an, z. B. Menyanthes, Triglochin palustre, Comarum, Pinguicula vulgaris, Andromeda polifolia, Myr- tillus uliginosa u. s. w.!). Aber auch andere Bestandtheile sind dieser Flora nicht fremd. Denn auf den trockneren Grasflächen unserer Hochge- birge begegnen wir einer anderen Gruppe von Arten, die nicht arktisch sind, z. B. Chamaenerion angustifolium, Lotus corniculatus,

1j Viele Autoren sind geneigt die arktische und subarktische Flora zu vermischen. Letztere hat freilich auch einen nordischen Charakter, aber sie stellt andere Forderungen an das Klima und hat eine andere geographische Verbreitung, sowie dieselbe auch, wie wir das weiter unten beweisen werden, einem anderen geologischen Horizonte ange- hürt, als die oben besprochene arktische Flora.

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Ranunculusacris, Cerefolium silvestre, Geranium silvati- cum, Alchemilla vulgaris, Geum rivale u. a. m. Zur subarktischen Flora gehören von unsern Bäumen und Büschen unter anderen die Berg- birke (Betula odorata), die Kiefer und Fichte, die Vogelbeere (Sorbus Aucuparia), der Faulbaum (Prunus Padus), die Espe (Populus tre- mula) und die graue Erle (Alnus incana).

Die norwegische Flora besteht nach dem Gesagten somit aus mehreren Artgruppen, welche aus Arten von einigermaßen übereinstimmender Ver- breitung sich zusammenfügen!). Die Artgruppen treten freilich nie unge- mischt auf, und man kann in derselben Gegend, z. B. um Christiania Re- prüsentanten aller oben genannten Gruppen auffinden, doch treten dieselben in gewissen Landestheilen in einer so großen Anzahl von Arten und Indi- viduen auf, dass sie der Vegetation ihr ausgesprochenes Sondergepräge geben, und die beifolgende Karte weist nach, wo jede einzelne Gruppe ihre eigentliche Heimath hat.

So wie Norwegens Flora sich in der Gegenwart darstellt, war sie nicht von Anfang an. Es gab eine Zeit (und im geologischen Sinne liegt sie nicht so weit zurück), da unsere Halbinsel bis auf die äußersten Felseninseln hinaus und bis in die südlichsten Thäler hinein ungezählte Jahrtausende hindurch in eine Decke von ewigem Schnee und Eis gehüllt war, aus wel- chem nur einzelne der höchsten Bergzinnen mit ihren nackten Wänden hervorragten.

Damals konnten die Bäume, Büsche und Kräuter, welche in der Gegen- wart die norwegischen Thäler und Gebirge schmücken, hier nicht leben. Dieselben sind indessen (in jedem Fall, was einen großen Theil betrifft), gewiss älter als jene Eiszeit ?). Man findet unsere noch lebende Fichte und Kiefer, unsere Eibe (Taxus), unsere Wasserlilien (Nymphaea) und manche andere Pflanzen der Gegenwart fossil in Kohlenlagern, welche ent- schieden älter sind, als jene Periode. Daraus ergiebt sich die Nothwendigkeit, dass unsere Flora, als die Eisdecke zu schmelzen begann, aus anderen Län- dern eingewandert sein muss, und dies wird zum Überfluss durch die That- sache bestätigt, dass Skandinavien (jedenfalls, was Gefäßpflanzen betrifft), kaum eine einzige sichere Art besitzt, welche in andern Ländern mangelt.

Wie ist nun diese Einwanderung vor sich gegangen ? Wenn wir be- denken, dass das Klima der Eiszeit nur ganz allmählich sich in dasjenige der Gegenwart umgewandelt hat (wie dies aus den geologischen Verhält-

4) Durch Studium der Verbreitungsverhältnisse, wie dieselben in BLyTr’s norwegi- scher Flora angegeben sind, wird man in den meisten Fällen leicht entscheiden können, welcher der genannten Artgruppen eine bestimmte Art beizuzühlen ist.

2) So haben die interglacialen Schieferkohlen der Schweiz (cf. Herr) eine Flora, die fast ausschließlich aus noch lebenden Arten besteht. Ähnliche Beweise für das große Alter unserer Flora können sogar aus praeglacialen Schichten (wie z. B. in England) beigebracht

werden.

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nissen hervorgeht), und dass die mehrfach genannten Artgruppen sehr ver- schiedene Ansprüche an das Klima stellen, so müssen wir schließen, dass die Einwanderung ebenfalls sehr allmählich von Statten gegangen ist, den langsamen Änderungen des Klimas im Laufe der Jahrtausende entsprechend.

Um diese Einwanderung genauer kennen zu lernen, wollen wir zuerst das Auftreten jener Artgruppen näher ins Auge fassen.

Mit Ausnahme der gewöhnlichsten Arten ist, wie die Karte ausweist, die Verbreitung der Gruppen keine zusammenhängende. Die arktische Flora tritt in ihrer ausgeprägten Gestalt nur hier und da in abgesprengten Kolonien auf, während in den Zwischenräumen die subarktische Flora die Herrschaft führt. Die boreale Flora tritt ebenfalls zerstreut auf, zunächst in den tieferen Gegenden des östlichen Landes, z. B. in der Umgegend des Christianiafjords und des Mjösen, und dann fern im Westen jenseits des Gebirgswalles an den inneren Armen der Fjorde der Westküste und in dem Flachlande des Nordens. In den zwischenliegenden tieferen Küstengegenden herrscht die atlantische Flora. Doch auch diese ist auseinander gesprengt; denn die meisten atlantischen Arten fehlen am Christianiafjord und finden sich erst im südwestlichen Schweden wieder ein. Einzelne sind in Skandinavien bloß an der norwegischen Westküste angetroffen, und treten erst in den Ländern westlich und südlich von der Nordsee wieder auf, z. B. Seilla verna, Meum athamanticum, Erica cinerea, Hymenophyllum Wilsoni, Carex binervis u.a. In gleicher Weise ist die subboreale Flora um den Christianiafjord isolirt, und verschiedene ihrer Arten kommen erst tief im inneren Schweden wie- der zum Vorschein. Auch die subatlantische Flora theilt diese Zersplitte- rung; ihre Arten fehlen zum größten Theil am Christianiafjord, aber zeigen sich wieder in Südschweden.

Bei einer Menge der selteneren Arten sind die Sprünge in der Ver- breitung geradezu Staunen erweckend, denn oft liegen mehrere Breitegrade zwischen den Fundorten derselben Art. Dies gilt von Arten aus allen Art- gruppen, selbst wenn wir innerhalb der Grenzen unserer Halbinsel bleiben: ja einzelne arktische Pflanzen sind sogar so selten, dass sie in der ganzen alten Welt nur an einem einzigen Fundorte getroffen sind. Doch der Raum erlaubt uns hier nicht länger bei diesem Verhalten zu verweilen, das außer- dem einem jeden Botaniker zur Genüge bekannt ist.

Wenn man diese großen Sprünge in der Ausbreitung der Arten und Artgruppen erklären will, sieht man sich vor die Frage nach der Pflanzen- wanderung gestellt. Wandern die Arten in der Regel Schritt vor Schritt, oder pflegen sie auf einmal große Strecken zu überspringen? Einzelne Arten können unzweifelhaft ohne Menschenbeistand ein einzelnes Mal durch Meeresströme, Winde oder Vögel nach fernen Gegenden verführt werden : aber das solchergestalt übersiedelte Samenkorn hat nur sehr geringe Aus- sicht keimen zu können, da es den Boden schon durch einheimische Pflanzen

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besetzt findet, welche in Massen von Individuen vorkommen. Die tägliche Erfahrung zeigt außerdem zur Genüge, dass die schrittweise Wanderung die Regel ist. Wenn wir daher das zerstreute Auftreten nicht einzelner Arten, sondern ganzer Gruppen von Arten an weit von einander entfernt liegenden Orten uns verständlich machen wollen, so hat keine Erklärungs- weise größere Wahrscheinlichkeit für sich, als die. dass jene Artgruppen einmal unter begünstigenden klimatischen Verhältnissen über Gegenden ausgebreitet waren, aus welchen sie später verdrängt worden sind, und dass ihre nunmehrige Seltenheit und die Sprünge in ihrer Verbreitung die Folge eines theilweisen Aussterbens sind, welehes durch Veränderungen des Kli- mas veranlasst wurde. Die gegenwärtige Verbreitung der Pflanzen ist somit nicht allein durch das Klima der Gegenwart bedingt, sondern in wesent- licher Beziehung auch eine Folge der wechselnden Ereignisse verschwun- dener Zeiten. In der Vegetation der Gegenwart spiegelt sich die spätere geologische Geschichte unseres Landes, und jene oben erwähnten Artgruppen bezeichnen Abschnitte derselben. |

Man kann die Frage aufwerfen, ob man ein Recht zu der Annahme hat, dass die Arten, welche jetzt vorzugsweise oder ausschließend auf einer bestimmten Unterlage wachsen, einmal auch auf anderen Gesteinen haben wachsen können ? Hierauf lässt sich antworten: Wenn die Untersuchungen über grössere Strecken ausgedehnt werden, schmilzt die Zahl der Arten, welche ausschließlich auf einer bestimmten Unterlage wachsen, bis auf einen sehr kleinen Rest zusammen. Es zeigt sich nämlich zumeist bei Cul- turversuchen, dass die Arten, wenn Nebenbuhler ferngehalten werden, weit unabhängiger von der Beschaffenheit des Bodens sind, als in der freien Natur 1). Demnächst zeigen aber auch die Beobachtungen in den Thälern und auf den Berghöhen, dass die Arten nur unter bestimmten klimatischen Verhältnissen an eine bestimmte Unterlage geknüpft sind, dass sie aber unter anderen klimatischen Bedingungen andere Forderungen an die Unter- lage stellen. Die Zahl der sogenannten »bodensteten« Arten schwindet auf

4) Mehrere Arten wachsen in der Natur nur da, wo sie von Schneewasser getränkt werden, manche sind im wilden Zustand an salzhaltigen Boden, manche an sumpfige Orte gebunden. Bei der Kultur zeigt es sich indessen, dass sie ausgezeichnet gedeihen unter Verhältnissen, die man hier nichts weniger als günstig bezeichnen würde. So wird z.B. Catabrosa algida in unserm botanischen Garten kultivirt und gedeiht vortreff- lich ohne Schneewasser. Es ist ferner bekannt, dass Strandpflanzen bei der Kultur gut fortkommen, ohne dass man ihnen Salz zu geben braucht. Arten, welche in der Natur nur an sehr sumpfigen Orten wachsen, werden im botanischen Garten in Christiania in ganz trockenem Boden gezogen und nicht mehr begossen, als alle übrigen, gedeihen aber nichtsdestoweniger ausgezeichnet, z.B. Veronica Becc abunga, Anagallis und scutellata, Carex chordorhiza, Epipactis palustris, Naumburgia thyrsiflora u. m. Die Erklärung liegt darin, dass der Gürtner die Rolle des Schnee- wassers, des Salzes und des Sumpfes übernimmt, d.h. die Nebenbuhler fern hält, indem er das Unkraut ausjütet.

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ein Minimum zusammen, wenn man die Untersuchungen über ein größeres Gebiet ausdehnt. Kontinentale Arten, welche in den südöstlichen Gegenden des Landes ohne Unterschied auf Kalk, Gneis, Porphyr, Schiefer u. s. w. wachsen, sind oft in den westlichen und nördlichen Landestheilen an den trocknen, warmen Kalk gebunden, wie denn eine Menge von Arten ihre Nordgrenzen und ihre Höhegrenzen auf Kalk haben 1), Umgekehrt findet man aber auch auf der feuchten Westküste oft sogar Sumpfpflanzen auf steilen Bergabhängen und auf Steingeröll, wo sie in einem trockneren Klima unmöglich wachsen könnten. So habe ich an der Küste von Bergens- stift Alnus glutinosa, Molinia coerulea, Succisa pratensis, Myrtillus uliginosa, Pinguicula vulgaris, Trichophorum caespitosum auf steilen Bergen und auf Schutthalden wachsend gefun- den; ja was noch mehr sagen will, man findet in unsern feuchten Küsten- gegenden nicht selten noch dazu mächtige Torflager, welche sich über Hügel und Abhänge hin ausstrecken. Wenn das Klima sich ändert, wird daber auch die Verbreitung mancher Arten sich verändern. Oft werden dieselben unter den neuen Verhältnissen und im Kampf mit neuen Ein- wanderern von den Gegenden verdrängt werden, in welchen sie früher sich zu halten vermochten, oft sich dagegen an Orten ausbreiten können, die früher ihnen nicht zusagten.

Wenn wir uns nun nochmals vergegenwärtigen, dass die norwegische Flora aus mehreren kontinentalen und aus mehreren insularen Bestand- theilen zusammengesetzt ist, und dass alle diese Artgruppen ein mehr oder minder zerstreutes Vorkommen aufweisen, so scheint doch offenbar unsere Flora davon zu berichten, wie das Klima seit der Eiszeit saeculare Verän- derungen erlitten hat, in der Art, dass trockene Zeiten mit kontinentalem Klima und feuchte Perioden mit insularem Klima mit einander abgewechselt haben, und das nicht bloß einmal, sondern wiederholte Male. So lange die Landverbindungen zwischen unserer Halbinsel und anderen Gegenden eine Einwanderung in größerem Maßstabe möglich machten, wanderte unter jeder kontinentalen Periode eine kontinentale Artgruppe, und unter jeder Regenzeit eine insulare Flora ein. Mit jedem neuen Umschlag erschienen somit neue Ansiedler. Diese verdrängten an manchen Orten die ältere Flora. Letztere ging jedoch nicht vollständig zu Grunde, sondern fand in Gegenden, deren Verhältnisse besonders günstig blieben, eine Freistätte. Durch den Wechsel derartiger Perioden musste unsere Flora gerade die Gestalt annehmen, in welcher dieselbe uns vorliegt. In trocknen, warmen Schutt- und Geröllmassen,, auf den verwitterten Schiefern unserer konti- nentalen Gebirgsgegenden, auf den Kalkfelsen und dem Sand und Grus

1) Dies habe ich in Bezug auf Norwegen nachgewiesen in der Einleitung zu meiner Schrift: Christiania Omegns Phanerogamer og Bregner. Universitätsprogram Christ. 1870. Siehe auch Bl. Norges Flora und A. Bl y tt: Bidrag til Kundskaben om Vegetationen i den under Polarcirkelen ligzende Del af Norge i Forh. i. Vid. Selsk. Christ. 1874.

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der Uferränder müssen wir die Reste der kontinentalen Zeiten antreffen, während die feuchten Bergwiesen und Waldthäler und unsere regenreiche Westküste uns die Überlieferungen aus den Regenzeiten aufbewahrt haben. Aber im großen Ganzen musste unsere Flora einen einförmigen Charakter annehmen, denn einzelne Arten, welche von den Veränderungen unab- hängig waren, mussten sich unausgesetzt auf Kosten der übrigen in unge- heuren Massen ausbreiten.

Diese Theorie dürfte vielleicht auch die Erklärung eines äußerst auffallen- den Phänomens geben können, auf welches ich erst in den letzten Jahren aufmerksam geworden bin. Die allerniedrigsten Gegenden (vom Meeres- spiegel bis zu 50—75 Fuß über demselben) sind nämlich auch die Theile unseres Landes, welche die reichhaltigste Flora besitzen. Selbst der sonst so einförmige Gneis zeigt, jedenfalls im Osten von Lindesnäs, in diesen aller- niedrigsten Gegenden häufig eine sehr abwechselnde Vegetation. Dagegen beginnt bei 100 Fuß oder höher oft eine zusammenhängende, einförmige Haide- und Flechtendecke. Norwegen ist nun aber seit der Eiszeit gehoben. Die tiefsten Gegenden!), welche am spätesten aus dem Meere aufgestiegen. sind noch nicht jenen klimatischen Umwälzungen ausgesetzt gewesen, welche